Interview: Christian Muche zur Zukunft von B2B Events – Teil 2
Christian Muche

Christian Muche

International agierender Geschäftsstratege, Mitbegründer von Wunderguard und der dmexco

Wer kennt das nicht? Ein Termin jagt den nächsten, im Zeitplan zu bleiben ist fast nicht möglich und am Ende des Tages sind die Füße geschwollen und tun weh: klassische Veranstaltungstage gehörten bis zu diesem Jahr einige Mal pro Jahr im B2B Marketing dazu. Doch das hat sich 2020 geändert: digitale Versionen haben in den Alltag Einzug gehalten. Warum diese digitalen Formate gegen die Müdigkeit gegenüber großen klassischen Messen eine Alternative oder Ergänzung sein können, beschreibt Christian Muche, international agierender Geschäftsstratege und Mitbegründer der dmexco, im ersten Teil unseres Interviews zur Zukunft von B2B Events. Im zweiten Teil lesen Sie nun, wie B2B Events international gesehen werden und welche Bedeutung sie im gesamten Marketing-Mix haben. 

Sehen Sie Unterschiede in der Entwicklung von B2B Events in unterschiedlichen Ländern? Funktionieren bestimmte Veranstaltungsformate in Deutschland besser oder anders als beispielsweise in Neuseeland – wo Sie sich derzeit befinden? Wenn ja, welche?

Nun ich würde das kleine Neuseeland nicht unbedingt als Vergleichsland heranziehen wollen. Ich bin dort zwar seit 13 Jahren privat zuhause aber mindestens ebenso lange mehrheitlich im Jahr in Deutschland, Europa, Amerika und Asien unterwegs. Meine Zeit in China hat mir zum Beispiel deutlich gezeigt, dass Unternehmen hier wesentlich kürzer planen und entscheiden, ob eine Event- und Kommunikationsplattform für sie relevant und nützlich sein kann. Das Tempo ist hier atemberaubend und ich bräuchte bei keinem chinesischen Unternehmen für ein Engagement erst im nächsten Jahr vorbeischauen. Wenn man in diesem Land von einer Eventidee überzeugt ist, dann erwartet man auch die Umsetzung entsprechend innerhalb weniger Monate. Andererseits zeigt aber auch das Beispiel Japan und seiner sehr vom persönlichen Kontakt geprägten Kultur, dass hier trotz einer technikaffinen Gesellschaft eine neue Geschäftsanbahnung niemals über ein rein virtuelles Event erfolgreich sein würde.

Gibt es B2B Marketing-Trends, die in Deutschland noch nicht angekommen sind?

Ich würde nicht soweit gehen wollen, davon zu sprechen, dass generelle Trends in Deutschland noch nicht angekommen sind. Wir sind schließlich kein Entwicklungsland! Dennoch würde ich an dieser Stelle von kulturellen Unterschieden und politischen Rahmenbedingungen sprechen, die durchaus zu einer unterschiedlichen Nutzung von technologischen Trends führen. Hierzu zähle ich den intensiveren Einsatz von Chatbots und Messaging Apps im Business und natürlich die Möglichkeiten von Artificial Intelligence (AI) für ein individuelleres Kundenerlebnis. Aber auch die Personalisierungsmöglichkeiten auf Basis von Big Data sind längst nicht erschöpft. Ebenso die skeptische Haltung zum Einsatz von Influencer Marketing finde ich ausgeprägter als in anderen Regionen dieser Welt.

Sie haben vor Kurzem einen Vortrag zur „Zukunft von B2B Events“ bei einer Veranstaltung in Tokyo gehalten. Wie sieht die Zukunft für Sie aus?

Wir verbringen unser Leben zunehmend online. Unternehmen sind bereits dabei, alle Facetten ihrer digitalen Ökosysteme neu zu erfinden – vom Vertrieb und Transaktionen bis hin zu Marketing und Kundenservice – da ein Großteil der Kundenentscheidungen bereits online stattfindet. Selbst wenn wir uns von der durch COVID-19 veränderten Lebensweise erholen, werden wir wahrscheinlich nicht zu den alten Geschäftsmethoden zurückkehren. Wir werden Arbeits-, Entscheidungs- und Kaufprozesse neu definiert haben – nahezu alle davon werden auf deutlich mehr digital ermöglichte Entscheidungen basieren. 

Zur Person:

Christian Muche ist ein international agierender Geschäftsstratege, der an der Schnittstelle von Digital-, Marketing-, Technologie- und Eventbranche tätig ist.  Als Mitbegründer von WUNDERGUARD kreiert er erfolgreiche Marken und hat als  Mitbegründer und Kopf hinter der DMEXCO das Tagesgeschäft der führenden globalen Veranstaltungsplattform für digitales Marketing 10 Jahre lang mit seinem Team geführt. 2019 startete Christian D:PULSE – die innovative globale Konferenzmesse im Boutique-Stil.
Privat lebt er seit mehr als 13 Jahren mit seiner Familie in Neuseeland und genießt dort verschiedene Outdoor-Sportarten, darunter Mountainbiking, Trekking und Tauchen.

Wie regelmäßig und in welcher Form wir uns „persönlich“ in Zukunft begegnen, wird eine dramatische Transformation durchmachen. Werden Unternehmen nach Monaten (und ggfs. Jahren) der Eventabstinenz und Neuausrichtung ihrer Kundenkontakte aufgrund der Pandemie und der anschließenden Wirtschaftskrise zum traditionellen Modell einer Konferenz oder Messe mit Zehntausenden von Menschen zurückkehren?

Ich habe da meine Bedenken auch bzw. gerade weil die „gute alte Zeit“ seitens der Veranstalter derzeit so herbeigeredet wird. Um nicht missverstanden zu werden; diese Entwicklung bedeutet nicht zwangsläufig das Ende der bisherigen Eventmarken aber unsere Denkweise, Einstellung und auch Erwartungshaltung dazu ändert sich bereits. In Zukunft werden die Entscheider in den Unternehmen als auch die Teilnehmer wesentlich selektiver bei Ihrer Auswahl vorgehen und die Anzahl der Eventbeteiligungen reduzieren. Gerade die in der Vergangenheit so gehypten überregionalen und internationalen Großevents werden nicht zuletzt aufgrund einer langfristig veränderten Reisepolitik zwischen den Ländern aber auch innerhalb der Unternehmen Einbußen hinnehmen müssen, die nur durch eine clevere, individuelle und diversere Ausrichtung kompensiert werden können. Am Beispiel der Internationalen Automobil Ausstellung IAA und ihrer Neuausrichtung zu einer kompletten Mobilitätsplattform für B2B als auch B2C sieht man die dringende Notwendigkeit den veränderten Mindset der Wirtschaft und Gesellschaft anzusprechen. Nur wer diese Transformation frühzeitig und mit aller digitalen Konsequenz umsetzt wird eine Chance haben den anstehenden Selektionsprozeß der Aussteller, Sponsoren und Teilnehmer nachhaltig zu überleben.

Herr Muche, vielen Dank für das interessante Interview!

Am ersten Teil des Interviews interessiert?…

Virtuelle und hybride Veranstaltungsformate haben aufgrund des Corona-Lockdowns deutlich an Bedeutung zugenommen und sich stark entwickelt. Wie sieht Christian Muche diese Entwicklung? Welchen Stellenwert werden Webinare und digitale Veranstaltungen zukünftig haben? Und: Wie wichtig sind Events im gesamten B2B Marketing Mix? Diesen 3 Fragen stellt sich Christian Muche im ersten Teil unseres Interviews. Lesen Sie weiter…

Autor: Natalie Weirich

13 Aug 2020

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